Pfarreientwicklungsprozess der Pfarrei St.Mariae Geburt in Mülheim an der Ruhr

„Wer verantwortlich für die Gemeinschaft steht, kann leider nicht allen Einzelheiten so entgegenkommen, wie er es als Mensch und Christ gerne möchte. Er wird nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden müssen, auch auf die Gefahr hin, dass nicht alle jede Entscheidung loben.“

Was Pastor Konrad Jakobs 1928 über den Bau der Marienkirche auf dem Mülheimer Kirchenhügel schrieb, gilt auch heute für den Umbau unserer Pfarrgemeinde. Damals reagierte der Stadtdechant und Pfarrer der Gemeinde St. Mariae Geburt mit dem Kirchenneubau auf die, vor allem durch zuwandernde Arbeitskräfte, steigende Zahl der Katholiken. Heute muss die Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt die Weichen für eine Zeit stellen, in der wir weniger Gemeindemitglieder und damit auch weniger Kirchensteuereinnahmen haben werden.

In den vergangenen 10 Jahren ist die Zahl der katholischen Christen in unserer Stadt um ca. 15 % auf jetzt rund 50.000 gesunken. In der gleichen Zeit ging die Zahl der Katholiken in der Pfarrei St. Mariae Geburt um ca. 13 % auf jetzt rund 16.300 zurück. Angesichts stabiler Kirchensteuereinnahmen erscheinen die heutigen Pfarrgemeindestrukturen noch tragfähig. Doch der soziale und demografische Wandel zwingt uns dazu, in einer Zeit mit noch stabilen Kirchensteuereinnahmen die Weichen für eine Zukunft zu stellen, in der „Weniger Mehr“ sein muss und vielleicht auch Mehr sein kann.

Unsere Pfarrgemeinde wird kleiner, weil mehr katholische Christen sterben, als geboren und getauft werden. Sie wird kleiner, weil die Zahl der Kirchenaustritte deutlich höher ist, als die Zahl der Kircheneintritte und sich auch weniger Katholiken mit ihrer Kirche verbunden fühlen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher in den letzten 10 Jahren um rund 26% zurückgegangen ist. Hinzu kommt: Die Zahl der älteren Menschen steigt und damit verringert sich auch die Zahl der Kirchensteuerzahler. Folgt man der Prognose des Bistums, so wird die Zahl der Katholiken von 1990 bis 2030 um fast 44 % und die Kirchensteuereinnahmen um rund 50 % zurückgehen. Ebenso wird die Zahl der Priester und der
pastoralen Mitarbeiter dramatisch sinken. All das wird auch unsere Pfarrgemeinde betreffen.

Wandel ist nötig und möglich. Das hat sich schon während des ersten Umstrukturierungsprozesses in den Jahren 2005 und 2006 gezeigt. In Mülheim mussten damals mit St. Raphael und Heilig Kreuz zwei Pfarrkirchen aufgegeben werden. Sie gingen aber nicht verloren, sondern fanden als Urnenkirche und als Caritas-Zentrum eine sinnvolle Nachfolgenutzung.

Doch anders, als in den Jahren 2005 und 2006, sollen die notwendigen Veränderungen nicht von der Bistumsleitung nach unten durchgereicht, sondern von den Menschen in den Gemeinden vor Ort nach oben durchgereicht werden. Der Bischof erwartet bis Ende 2017 ein Votum der Menschen, die vor Ort Gemeinde leben und mitgestalten. Denn nicht nur Bischof, Pfarrer und Gemeindereferenten, sondern wir alle sind als katholische Christen Kirche vor Ort, Kirche auf dem Weg in die Zukunft.

Soll aus der beschriebenen Krise eine Chance werden, dann müssen möglichst viele Menschen guten Willens mittun und ihre Ideen und Erfahrungen in Arbeitsgruppen einbringen, um langfristig trag- und funktionsfähige Gemeindestrukturen zu entwickeln und dann mit Leben zu erfüllen.

Die Fragen, die im Rahmen des Pfarreientwicklungsprozesses 2016 und 2017 beantwortet werden müssen, liegen auf dem Tisch: Was können und was wollen wir als Gemeinde leisten? Wie wollen wir Gemeinde und den christlichen Glauben leben? Welche Gebäude können wie genutzt oder auch verkauft oder vermietet werden, um zum Beispiel neue Geldquellen für Gemeindearbeit zu erschließen? Welche Chancen ergeben sich durch eine verstärkte ökumenische Zusammenarbeit mit unseren evangelischen Geschwistern?

Inzwischen hat sich bereits ein Koordinierungsausschuss gebildet, der den Pfarreientwicklungsprozess steuern soll. Er besteht aus dem Pfarrer, dem Verwaltungsleiter, aus Mitgliedern des Kirchenvorstandes, des Pfarrgemeinderates, der Gemeinderäte, des Pastoralteams sowie aus VertreterInnen der Verbände. Im Rahmen einer nun zu erstellenden Bestandsaufnahme, aus der später Handlungsperspektiven entwickelt werden können, werden jetzt interessierte Gemeindemitglieder aufgerufen, in verschiedenen Arbeitsgruppen mitzuwirken. Der Pfarreientwicklungsprozess wird nur dann gelingen, wenn sich möglichst viele Menschen aller Altersgruppen einbringen und gemeinsam ein Zukunftsszenario von „Lebendiger Kirche“ entwickeln.